top of page

#6Vorurteile?! "Sozialarbeiter sitzen nur rum,trinken Kaffee und...

  • 11. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

...quatschen nur mit ihren Klienten. Mehr machen die ja nicht, ist doch easy, kann doch jeder." Solche oder ähnliche Aussagen habe ich schon oft gehört. Auch von Klienten, die natürlich nur das "Miteinander quatschen" sehen. Eine weitere stereotype gesellschaftliche Annahme ist häufig, das insbesondere Sozialarbeiterinnen unterstellt wird sie wären alle Öko. Fair Trade Klamotten, extrabreite Bequemschuhe, Naturkosmetika, praktische Haarschnitte gepaart mit Charakteristika wie überspitzem Gutmenschentum, überidealisierender Wohltäterei mit selbstlos naiver, weltfremd wirkender Arbeitsweise und Sozialarbeiter (geschlechterunabhängig) würden überall Probleme sehen, wo keine sind, welche sie dann in stundenlangen Besprechungen erörtern und klären möchten.

Ich hatte auch schon solche Exemplare im Kollegium, es ist spannend mit ihnen zu arbeiten... Ich erinnere mich noch an folgende Aussage einer Klientin: "[...] kommt morgen wieder die komische Esoteriktante mit den riesigen Ohrringen zu mir? Die labert immer irgendwas von schlechten Schwingungen, keine Ahnung was da schwingen soll [...]". Ich musste mich schwer zusammenreißen um nicht in lautes Gelächter zu verfallen. Die Klientin hat in sehr knapper Form die Kollegin exakt beschrieben. Tatsächlich hatte ich bisher in jedem Team mindestens einen Kollegen oder eine Kollegin die etwas strange waren. Die Vorurteile stimmen natürlich nur bedingt und sind nicht flächendeckend auf alle Mitarbeitenden übertragbar. Aber wie sieht denn so mein Arbeitsalltag nun aus?


Struktur meiner Arbeitsstelle

Meine konkrete Arbeitsstelle ist die Sozialarbeit für die Außenstellen oder auch Außen-WG's genannt. Neben dem Haupthaus gibt es drei Wohngruppen, welche 10-20 Fußminuten vom Haupthaus (HH) entfernt liegen. Außen-WG's (AWG's) bedeutet, dass Wohnungen in normalen Miethäusern mit Klienten belegt werden. Die Leute leben vergleichsweise zum HH ziemlich autark. Die AWG's umfassen je nach Wohnungsgröße 3-8 Personen. Die Menschen, welche dort leben, müssen einem bestimmten Profil entsprechen und haben zuvor immer im Haupthaus gelebt. Personen mit massiven Auffälligkeiten, Suchtverhalten, schweren psychischen Erkrankungen und/oder der Unfähigkeit sich selbst zu versorgen, können dort nicht einziehen. Diese Menschen verbleiben im HH mit 24/7 Anwesenheit der Mitarbeiter.

Mein Büro befindet sich im Haupthaus.


Jetzt kommen wir mal zum Punkt...

Im Grunde bin ich irgendwie ständig unterwegs. Da mein Büro im HH integriert ist und ich sowieso an allen Teamzusammenkünften im HH teilnehmen MUSS, bin ich dauernd am hin und her hetzten zwischen AWG's und HH.

Ich muss im Blick behalten, dass alles in den AWG's läuft. Das heißt das zwischen den Klienten keine unüberwindbaren Konflikte entstehen, Hausordnungen eingehalten werden, die Wohnungen in ordentlichen Zustand gehalten werden, ich veranlasse wenn notwendig Reparaturen, führe Entlastungsgespräche mit Klienten, Unterstütze bei Behörden - und Postangelegenheiten, ich begleite sie dabei weiterführende Hilfen zu beantragen und ggf. bei der Wohnungssuche, bin Konfliktmanagerin, muss im Blick behalten wann alle möglichen Folgeanträge gestellt werden müssen, begleite manchmal zu Behörden, Ärzten, Ämtern, Doku und Schriftkram fällt auch noch an. Das alles sollte ich im Rahmen von 25/h pro Woche schaffen. Also theoretisch machbar, praktisch überhaupt nicht realistisch. Ich muss ja dauernd zwischen HH und AWG's umherspringen, die Wege fressen einfach auch Zeit. Zudem bin ich komplett allein für die Außenstellen zuständig, kann keine Kollegen bitten später noch etwas mit meinen Klienten abzusprechen, muss das alles selber regeln. Mein Wochenkalender ist ständig bis zum Anschlag durchgetaktet. Damit ich meine Klienten regelmäßig antreffe und Gespräche führen kann, muss ich mit ihnen Termine absprechen. Immerhin gibt es auch einige die Arbeiten gehen oder in andere tagesstrukturierenden Maßnahmen sind.

Nebenbei sind dann aber noch alle anderen terminlichen Verpflichtungen, also diese etlichen Teamzusammenkünfte (Qualizirkel, Supervision, Fallbesprechung, Klientenvorstellung alles im 2-4 wöchigen Rhythmus mit jeweils 2-3 Stunden Länge) zu beachten. Okay, so what, Augen zu und durch. Immer mein Ziel vor Augen!!!

Mein Ziel ist es, die Klienten aus der ASOG Unterkunft herauszuführen. Meist beantrage ich weiterführende Hilfen gemäß §67 SGB XII oder §99 SGB IX. Mitunter ist es ein langer Weg das Klientel dafür zu öffnen, schließlich wurde ihnen über Jahre hinweg von meinen Kollegen erklärt, sie können für immer hier bleiben... Joa das ist ja mal ein toller pädagogischer Anspruch, Leute bleibt doch einfach für immer und ewig bei uns im Obdachlosenheim. Ich bin der Meinung, nur für die Wenigsten sollte das die Endstation bleiben. Aber was will ich erwarten von Kollegen mit jahrelanger und vor allem teilweise viel längerer Berufserfahrung als ich, die sich aber null im weiterführenden Hilfesystem auskennen. Ich bin oft fassungslos, wie wenig Wissen meine Kollegen mitunter besitzen. Klar, dann kann man natürlich auch nicht mit den Bewohnern über Alternativen sprechen. Das wirklich Schlimme ist, das die Kollegen ernsthaft glauben, sie machen hervorragende Arbeit... somit habe auch ich hier stets zu tun, erkläre das Hilfesystem, stelle meinen jeweiligen Weg dar, begründe pädagogisch und kritisiere die aktuelle Haltung des Teams... mehr dazu im Beitrag #7.

Also von wegen Sozialarbeiter trinken den ganzen Tag Kaffee und sitzen nur rum... so easy ist der Job nicht. Ich bin froh, wenn ich zwischendurch mal 10 Minuten habe um in Ruhe zu essen. Oft esse ich während ich zu Fuß in die AWG's unterwegs bin. Trinken generell vergesse ich auch mal ganz gerne. Eine weltrettende Öko-Tante bin ich glücklicherweise auch nicht ;-).

Also, die Vorurteile stimmen so nicht (immer). Sozialarbeit ist ein wirklich stressiger Knochenjob, vornehmlich seelisch.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
#5 Wochenrückblick Donnerstag&Freitag

Donnerstag Ich fahre vormittags direkt in die beiden kleinen AWG's. Schließlich muss ich ja auch noch den cannabisrauchenden Klienten eine Abmahnung aushändigen. Ich übergebe die Abmahnung und es begi

 
 
 
#4Wochenrückblick... Dienstag&Mittwoch

Heute ist Samstag der 10.01.26, es liegen 4 ereignisreiche Arbeitstage hinter mir. Also was war los... Dienstag Dienstag war großer Klärungstag... geklärt wurde fast gar nichts, im Gegenteil ich war

 
 
 

Kommentare


Schreibt mir, ich freue mich auf euer Feedback

Danke für die Nachricht!

Impressum     

© 2026 Sozialwahnsinn.rocks

Erstellt mit Wix.com

bottom of page