#2. Der Wahnsinn schlägt voll zu...
- 3. Jan.
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Aktualisiert: 10. Jan.
Tadaaaa... der gestrige Arbeitstag ist überstanden. Von wegen kurzer Tag um nur zu checken wie es meinen Klienten geht. Adieu Feierband um 15:30 Uhr. Bis abends 18:30 Uhr war ich in Aktion. Also was war los...
Etwas unmotiviert bin ich zu 11:30 Uhr ins Büro gefahren, schließlich findet um 11:30 Uhr die tägliche Übergabe mit Anwesenheitspflicht aller statt. Diese Übergaben sollten maximal 30 Minuten dauern, theoretisch. Tatsächlich sind 30-minütige Übergaben die Ausnahme. Den unglaublich hohen Rededrang meiner Kollegen, gepaart mit völliger Strukturlosigkeit sei Dank, sind diese täglichen Übergaben mit 45-60 Minuten großartige Möglichkeiten den gähnend leeren Terminkalender zu füllen. Als Sozialarbeiter gibt es auch nichts wichtigeres als täglich maßlos überzogene Übergaben über sich ergehen zu lassen. Nun gut, ich war also 11:30 Uhr vor Ort, wo ich sogleich vom Kollegen informiert wurde, dass die heutige Übergabe erst 14:00 Uhr sein wird, eine Kollegin kommt später... na toll, ich verabschiede mich also schon zu Dienstbeginn von meiner Tagesplanung. Ich höre noch geduldig den Ausführungen meines Kollegen zu, welcher mir sehr wortreich und detailliert, die aus seiner Sicht, wichtigsten Fakten der letzten 14 Tage zusammenfasst. Ich bin jetzt schon entnervt!
Endlich kann ich mich in mein Büro verkrümeln, aktuell habe ich es glücklicherweise zur alleinigen Nutzung. Im Aufenthaltsraum sitzen Klienten, ich bin nicht begeistert, sie scheinbar auch nicht über meine Anwesenheit. Für die Klienten im Hauptgebäude bin ich erfreulicherweise nur vertretungsweise zuständig. Bedauerlicherweise ist meine Kollegin aktuell im Urlaub. Müssen die Klienten sich halt mit mir zufriedengeben.
Ab an den PC, Mails lesen. Gleich die erste Mail stammt von einem meiner Klienten, er bittet um heutige Zimmerabnahme zum späten Nachmittag. Damit war der letzte überlebende Hoffnungsfunke auf einen zeitigen Feierabend vollends erloschen. Okay durchatmen, Tee kochen, mich mental auf einen längeren Arbeitstag einstellen. In eine meiner drei Aussen- Wohngruppen, (AWG), in die Größte, schaffe ich es nicht mehr, also rufe ich an. Es hagelt sogleich Dramen. Rettungswageneinsätze, Zerstörung, Ärger unter Bewohnenden... wie immer höre ich mir alles geduldsam an und merke zugleich, wie sich meine Demotivation in handfesten Missmut wandelt. 40 Minuten später ist das Telefonat beendet. Ich lehne mich im Stuhl zurück, atme tief durch... plötzlich höre ich eine atemlos gehetzte Stimme im Türrahmen meines Büros. Ich schnelle kerzengerade nach oben, im Türrahmen steht ein ehemaliger Bewohner. Er möchte wieder einziehen, das sei ihm von seiner damaligen Bezugsbetreuung (welche aktuell natürlich im Urlaub ist) zugesichert worden. Ich erkläre ihm das aktuell keine Betten frei sind. Muss ihn in die akute Obdachlosigkeit entlassen... ich habe ein schlechtes Gewissen, es sind winterliche Temperaturen draußen. Zeitgleich klingelt mein Telefon, ein Klient aus einer AWG, in der kompletten Wohnung gibt es kein Wasser. Ich sichere zu, die Vermietung anzurufen. Just in dem Moment höre ich ein lautes Krachen und Schreien... ab ins Zimmer der Verursacherin, sie ist betrunken gestürzt, helfe ihr hoch, sie ist unverletzt. Na, immerhin muss ich nicht die Rettung rufen, rate ihr sich ins Bett zu legen und den Rausch auszuschlafen. Erneut läutet das Telefon, der Klient mit dem ich soeben telefoniert hatte rief an, Wasser sei wieder da, schön das freut mich, ich verabschiede mich schnell.
Endlich findet die Übergabe statt, sie zieht sich hin wie Kaugummi.15:00 Uhr ist es endlich geschafft, ich schnappe meine Sachen und fahre in die anderen beiden kleinen WG's. Zum Glück sind die beiden Standorte nur wenige Fußminuten voneinander entfernt. Ich rausche kurz in die kleineste WG, möchte nur kurz schauen, in dem Glauben das alles okay ist, schließlich war alles Bestens als ich in den Urlaub ging. Ich kam zur Tür rein und wurde sofort aufgeregt von einem Klienten mit der Frage empfangen, ob ich den Geruch wahrnehme... ja es stank nach Cannabis. Nun eröffnete sich hier das nächste Drama... während meiner Abwesenheit konsumierter ein Bewohner Cannabis in den Räumlichkeiten, hat in den letzten Tagen andere Bewohnende massiv beschimpft und sei komisch. Okay... durchatmen, ich höre geduldig dem Betroffenen zu, verstehe seine Anspannung auch durchaus. Im Gespräch stellte sich heraus, dass diese Situation bereits Anfang der Woche geschah... auf Nachfrage warum er meine Vertretung nicht kontaktiert hat, gab er an dies mit mir besprechen zu wollen. Ich atme erneut durch, kann sein Handeln nachvollziehen, schließlich bin ich die engste Vertraute und einzige Mitarbeiterin, die hauptsächlich für die AWG's zuständig ist. Andererseits steigt mein Frustrationslevel, ich arbeite erst seit 8 Monaten hier, der Klient lebt seit mehreren Jahren dort und kennt somit natürlich auch die restlichen Mitarbeiter. Seine ehemalige Bezugsbetreuung ist eigentlich meine Vertretung. Er ziert sich, berichtet dann aber sich oft als Störfaktor und wenig ernst genommen gefühlt zu haben von den Kollegen. Ich beende das Gespräch, ich muss in die andere AWG zur Zimmerübergabe.
Die Zimmerübergabe verläuft reibungslos, der Klient freut sich nach vielen Jahren in der ASOG Unterbringung endlich in eigenen Wohnraum ziehen zu können. Wir nehmen uns noch kurz Zeit für ein letztes Gespräch, wünsche ihm alles Gute für die Zukunft. Er geht, ich freue mich über den gelungenen Abschluss und ehrlich gesagt bin ich auch etwas stolz, dazu aber in einem anderen Kapitel mehr.
Ich gehe nochmal in die vorherige AWG, ich möchte den cannabisrauchenden Klienten noch sprechen. Als ich zur Tür rein komme, steht er in der Küche, ich spreche ihn auf den Geruch an. Er tut so, als verstünde er mich nicht. Das Verhalten kenne ich bereits und es fuckt mich ab. Die Person lebt seit 12 Jahren in Deutschland und ist scheinbar mit seiner Masche gut durchgekommen bisher. Ich weiß aber, dass er mehr versteht, als er zugibt, auch wenn ihm das Sprechen auf Deutsch tatsächlich schwer fällt. Ich stelle ihn zur Rede, er möchte mir weiß machen, der Geruch sei Febreze. Er sprüht in die Luft... nein! Natürlich kann ich Febreze von Cannabis unterscheiden, für wie blöd hält der mich. Ich gehe in sein Zimmer und tadaaa... Cannabis. Diverse Erklärungsversuche seinerseits folgen, wie immer ist er das Opfer von allem und jedem. Mir fehlt die Muse schon wieder darauf einzugehen. Stattdessen halte ich ihm eine Standpauke. Mittlerweile ist es 18:30 Uhr. Ich bin müde. Ich gehe trübsinnig in den Feierabend. Auf den Weg zur Bahn beginnt es zu regnen... naja passt ja zum heutigen Tag.


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